"Der Künstler als Diener"

Marina Abramović in der Albertina modern, kurz vor Jahreswechsel. Freundin N. kommt mit und die Tochter, obwohl sie natürlich von den Nackten und den blutigen Sternen auf Bäuchen weiß, sie macht es mir zuliebe. Ich mache keine Fotos, es ist sehr stark reglementiert wegen der nackten Aktionskünstler*innen, die Museumsmitarbeiter*innen verteilen längliche Papiersäcke, in die das Handy gesteckt werden soll und die es umständlich und auffällig machen, es wieder rauszufummeln und zu fotografieren, eine Art der sozialen Kontrolle, auf die sich alle einigen können.

Nur ein Foto schieße ich schnell, als die Tochter auf Marinas Kupferbett mit Steinpolster liegt, sich von den Energien des Metalls und des Steins durchpulsen lässt und versonnen an die Decke blickt, es wird eines meiner Lieblingsfotos von ihr werden, denn alles an ihr ist jung und frisch und unsicher und neu, die angezogenen Beine, die Füße in den ausgelatschten Converse, die verhaltene Spannung in ihrem Körper, die Altherrenstrickjacke, in der sie sich (für mich unverständlicherweise) so gefällt, die Hand gedankenverloren am Mund, das leise Lächeln, sie selbst findet, sie schaue „komisch“ aus.

Immerhin hat sie sich nur Minuten zuvor entgegen allen Ankündigungen doch zwischen den beiden nackten Menschen hindurchgezwängt, die etwa in der Mitte der Ausstellung an einem schmalen Durchgang einander gegenüberstehen und die man unweigerlich berühren muss, wenn man sich durchschiebt, vorsichtig, um den beiden nicht auf die Füße zu treten, „Imponderabilia“. Wenn man es geschafft hat, ist man so erleichtert, dass man ganz vergisst, wie es sich genau angefühlt hat. Dahinter der Raum mit den Arbeiten mit Ulay, sie laufen unkontrolliert ineinander, sie schreien sich konzentriert an, sie küssen einander so intensiv, dass sie die Luft des*der anderen atmen und bewusstlos werden, sie spannen gemeinsam den Bogen, „Rest Energy“, für mich das treffendste Bild einer Liebesbeziehung, das mir jemals untergekommen ist, genau so ist es, verdammt nochmal, man ist in ständiger Lebensgefahr, vor allem als Frau.

Nach der Trennung von Ulay tritt Marina in ihre esoterische Phase ein, Freundin M., die was von Kunst versteht, sagt, sie möge sie deshalb nicht unbedingt, ich empfinde diese Räume als wohltuend zurückgenommen nach all der gewaltvollen Auseinandersetzung und dem Blut. Dann nehm‘ ich halt die Energie der Steine auf, die an die Wand montiert sind und auf die ich Stirn, Busen und Unterbauch drücken darf, das wird doch wohl erlaubt sein, hallo? Und für mich die Überraschung der Ausstellung ist, dass am allerstärksten die zweite Aktion mit einer nackten Person wirkt, eine junge Frau liegt auf einem Podest, auf ihr liegt ein Skelett. Das ist so klar und straightforward, dass es auch mein Kind sofort begreift und sich ein wenig dazusetzt, auf ein weiteres Ausstellungsobjekt kann man sich setzen, eine hell gestrichene Bank mit zwei großen weißen Kristallen an den Enden in die Lehnen montiert, die man nebenbei zur Stabilisierung anfassen und streicheln kann. Es ist eine Einladung, die mal tiefe und mal flache Atmung der jungen Frau zu beobachten, ihre schön geformten Brüste, ihre kräftigen Beine mit makelloser Haut, ihre Füße, ihr Geschlecht, und darüber nur die Knochen, nur das, was am Ende bleibt, die leeren Beckenschaufeln, der leere Käfig des Brustkorbs, die schmalen Bein- und komplizierten Fußknochen, wieviel weiches, zartes Fleisch wir doch sind und wie wenig davon das Gerüst.

Im Shop gibt es dann wunderbar viel Marina-Merch. Einen Katalog hab‘ ich schon, N. kauft ein kleines Märchenbuch mit einer Geschichte über eine serbische Hexe, ich impulskaufe schließlich das Kartenspiel mit der Marina-Abramović-Methode („Anleitung für einen Neustart“, wohlfeile € 19,90). Anschließend beim Drink ziehen wir daraus unter Tochters Anleitung Karten (mit einer Frage an das Schicksal vorher und der linken Hand), mir wird für 2026 aufgetragen, rückwärtszugehen.

Ich sehe mich selbst im zu uns am nächsten gelegenen Erholungsgebiet Steinhofgründe mindestens! eine Stunde lang rückwärtsgehen, mit dem Spiegel in der Hand, es könnte ein wenig auffällig sein und Fragen aufwerfen, ich überlege, entweder sehr früh am Morgen zu gehen, wo noch wenige Leute unterwegs sind oder mir ein Schild an den Mantel zu hängen: „Es ist nur eine Übung!“, beides scheint nicht so richtig praktikabel. Ob ich mir einen Rückwärtsgeh-Kompagnon nehmen darf, damit ich nicht ganz so allein bin, geht aus der Anleitung nicht hervor, ich nehme an, wenn es nicht explizit verboten ist, ist es erlaubt. Gedanklich speichere ich es ab unter „offene Herausforderung“.

Marina schreibt ganz zu Anfang im Anleitungsheftchen zum Kartenspiel: „Die Aufgabe eines Künstlers ist die eines Dieners“ und ich kann wirklich nichts daran finden, dass sie diese wichtige Lektion gelernt hat und weitergibt, dass sie Kunst als spirituelle Praxis, als Handreichung zur Weiterentwicklung, als Heilung begreift. Viele Jahrtausende lang gab es keinen Unterschied zwischen den Aufgaben eines Künstlers und einer beratenden, leitenden Expertin für das Dies- und Jenseitige.

Gerade zuletzt habe ich ja auch ein wenig darüber nachgedacht. Dass ich bisher zu feig war, diese Aufgaben auch auszuüben, muss nicht heißen, dass ich mich ihnen nicht unter Anleitung dieser beeindruckenden Frau immer wieder annähern darf.

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