ESC und Schlingensief

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ESC und Schlingensief

Nachdem ich letztes Jahr den Sieg des österreichischen Countertenors JJ korrekt vorhersagte und sich der Bursche leider doch als mediales Untalent entpuppte, war mir der Eurovision Song Contest ein wenig unheimlich geworden und ich wollte lieber nicht mehr darüber schreiben oder nachdenken und ihn irgendwie rezipieren. Das war dieses Jahr nicht einfach, weil er ja in meiner Stadt stattfand, in der Stadthalle, wo ich fast jede Woche zum Schwimmen bin. Also sah ich ihn auch dieses Mal, mit der Tochter gemeinsam, ein seltenes Ereignis, denn gemeinsam klassisches Fernsehen zu konsumieren ist hier beileibe keine normale familiäre Aktivität mehr. Diesmal hat passenderweise sie die Siegerin vorhergesagt, denn sie kam am Nachmittag von einem Treffen mit einer Freundin mit bulgarischen Wurzeln mit dem Ohrwurm zurück und bangarangte mich dazu, den Beitrag genauer anzuhören: Solide Dance-Nummer, extrem eingängig und engagiert vorgetragen, die sehr prononciert sichtbaren sekundären Geschlechtsmerkmale der Interpretin werden ein übriges getan haben.

So ehrlich muss man sein. Die politische Dimension nämlich. Wie auch beim letzten Mal in Basel zitterte Europa und Israel und die ganze Welt, weil Israel durchgängig sehr weit vorne lag und erst ganz zum Schluss doch wieder recht deutlich von dem tatsächlich aus Geschmacksgründen beliebteren Act auf Platz 2 verwiesen wurde. Hui, Erleichterung! Denn einen Eurovision Song Contest aus Tel Aviv oder Jerusalem, "United by Music" oder sonst ein cheesy Motto, wenn ein paar Kilometer weiter alles in Schutt und Asche liegt und die Menschen nach wie vor um Leib und Leben und andere Aspekte ihrer Existenz fürchten müssen? Ein Sicherheits- und sonstiges Desaster. Faktisch votet wohl nicht die Mehrheit der Zuschauer*innen (hier niemand, man muss nicht unnötig Geld ausgeben), und wenn man dann schon für jemand anruft oder smst, dann natürlich nicht nur aus Gefallen am Act oder weil das Lied so besonders ist (von beiden Beiträgen Israels ist mir eher nichts im Gedächtnis geblieben), sondern hauptsächlich aus Solidarität. So wie die Balkan-Länder einander Punkte geben und die skandinavischen Länder immer zusammenhalten, vergibt Europa jedes Jahr Treuepunkte an Israel. So sind wir nicht, antisemitisch oder israelfeindlich! Wir hassen nicht! Wir zeigen euch, dass wir zu euch stehen, so lange bis ihr in einer Situation seid, aus der niemand mehr einen Ausweg weiß. Ähnlichkeiten zu anderen politischen Lagen der Gegenwart könnten ausgemacht werden.

Wenn das nächstes Jahr in Sofia wieder passiert, weiß die EBU, dass man sich da etwas einfallen lassen muss, oder es wird schon vorher an der Voting-Schraube gedreht, in welche Richtung allerdings, dazu hab ich gar keine Fantasie. Man könnte natürlich als teilnehmendes Land auch sagen, was ist, wenn wir gewinnen, können wir einen solchen Wettbewerb in einer unserer Städte ausrichten, ohne dass Gefahren und Verwerfungen aller Art auftreten? Wollen wir das Prestige, den Werbewert für unsere Tourismus-Industrie, wollen wir unseren Status als Teil der europäischen Staatengemeinschaft bekräftigen und ist das dann in der Realität abbildbar? Wieder einmal scheint Idee und Wirklichkeit eigenartig stark auseinanderzuklaffen, was in den Köpfen der Menschen passiert, deckt sich nicht mehr mit den Möglichkeiten der Welt.

Doch damit war's das mit mir und dem ESC. Es wird ihn weiter geben, nächstes Jahr darf Bulgarien erstmals mit allen gesellschafts- und sicherheitspolitischen Implikationen des Ereignisses jonglieren: Kann das bulgarische Gemeinwesen ein solches Großereignis gut stemmen? Was weiß ich, ich fahre mal sicher nicht hin. Wie steht eigentlich die bulgarische Politik zu queerem Leben? Ich habe keine Ahnung. Wieviele Länder müssen einen internationalen Wettbewerb boykottieren, damit man es wirklich spürt? Ich weiß es nicht.

Abseits der Popkultur besuchte ich gestern auch ein sogenanntes hochkultürliches Event, nämlich die Ausstellung im MAK zu Christoph Schlingensief, das enfant terrible der Theater- und Aktionskunst der frühen 2000er Jahre würde diese Unterscheidung vermutlich selbst lächerlich finden. Es ist immer noch schmerzhaft, ihm zuzusehen, wie er den sichtbar körperlich und geistig beeinträchtigten Menschen in der Reality-Show-Parodie "Freaks3000" mitteilt, dass er diesmal doch ein Foto für alle hat und die armen Leute damit zum Weinen bringt, ob vor Glück oder Panik, es ist wie immer bei diesen Formaten schwer zu sagen. Dann Ausschnitte aus seiner Hamlet-Inszenierung in Zürich, mit vermutlich vermeintlich ausstiegswilligen Neo-Nazis, hitzige Debatten mit dem Publikum, die unterschwellig immer spürbare Gewaltandrohung dabei, Theater und Leben, das in eins fällt, wieder ist nicht klar, wo die Grenze zwischen Fiktion und Wirklichkeit, zwischen frommem Wunsch und herber Enttäuschung verläuft. Und selbstverständlich seine Aktion im Jahr 2000 in Wien, dem Jahr der ersten Regierungsbeteiligung der FPÖ, als er Asylwerber*innen eine Woche lang vor der Oper in Container sperrte und wieder "rausvoten" ließ, wieder Fragen des Persönlichkeitsschutzes, der Menschenwürde, der wirklichen Wirklichkeit, in der Passantinnen "Piefkes raus!" schreien, einer der wenn nicht der wichtigste Nukleus der traditionellen österreichischen Ausländerfeindlichkeit, oder die Befreiungsaktion der Antifaschist*innen, die dem Ganzen nochmal einen künstlerisch hocherfreulichen Komplexitätstwist verleiht.

Ein Hauch von Naivität umweht den Künstler in der Rückschau, denn man hat das Gefühl, er konnte es sich noch leisten, mit diesen Fragen zu spielen, während wir zwei Jahrzehnte später die Widersprüche kaum mehr auflösen können, siehe oben. Und eine Traurigkeit bleibt zurück, denn mit knapp 50 Jahren an Lungenkrebs zu sterben, ist wohl maximal traurig, glauben Sie mir, ich bin da manchmal sehr nah dran und es ist kaum auszuhalten, eine nicht mehr verhandelbare Realität. Ich weiß nicht, ob ich die Ausstellung empfehlen soll, gehen Sie halt hin, wenn Sie es ertragen.

Sehr schöne Fotos sah ich aber von Barbara Pflaum, einer Pressefotografin, die das Wien der frühen 60er Jahre abgelichtet hat, eine naive, längst versunkene Welt der Hutträger und Kopftuchträgerinnen. Dafür uneingeschränkte Empfehlung!