Reading: Patti Smith und H.C. Artmann

Die schönsten Weihnachtsgeschenke macht man sich selbst. Heuer hörte ich von Patti Smiths neuer Autobiografie „Bread of Angels“, aber in der Buchhandlung ausgelegt fand ich auch den älteren Band „Just Kids“ über ihre New Yorker Jahre Ende der 60er und Anfang der 70er Jahre mit Robert Mapplethorpe, the formative years. Ich wollte lieber damit beginnen, das hübsche Foto am Cover, the artists as kids.

Wenn man weiß, dass man Künstler*in ist, in your own true self, dann muss man einfach nur diesen Weg weitergehen, und arbeiten und machen und kreieren, es scheint einfach genug für eine Nicht-Künstlerin, aber schwer genug, wenn man arm ist und es schaffen will, nur noch Kunst und keinen Brotberuf mehr zu machen. In Patti Smiths Fall scheint es auch eine Weile gedauert zu haben, bis sie die richtige Ausdrucksform für sich gefunden hatte, aber das Buch handelt ja nicht hauptsächlich von ihr und ihrem Weg, sondern von ihrer Liebe zu Robert, ihrer gemeinsamen Liebe zur Kunst, ihrem Streben und Sich-Gegenseitig-Anfeuern, ihrer Unterstützung füreinander, ihren Eiden, einander beizustehen. Das ist das eigentlich Überwältigende an diesem Bericht, dass im Zentrum steht, wie sehr man als Künstler*in, aber sowieso und immer als Mensch vom Wohlwollen, von der reinen Sympathie zwischen Menschen abhängig ist, um zu überleben und weiterzukommen.  

Ich bin keine Künstlerin, glaube ich. Ich muss nicht schaffen. Seit Oktober habe ich hier nichts mehr geschrieben, die Kunstform, die mir am nächsten zu sein scheint, ich muss sie offenbar nicht unbedingt ausführen. Es könnte auch sein, dass mir die Disziplin fehlt, die Leidensfähigkeit womöglich, ich bin faul und bequem, ich genieße lieber, als dass ich mich anstrenge, ich konsumiere gern, was andere an Kunst so schaffen und erfreue mich daran.

Angeregt durch diese Doku (womöglich eh wieder nur national zu sehen und nur noch bis 29.12., Augenroll-Emoji) habe ich zum Beispiel den Sammelband mit H.C. Artmanns Gedichten wieder hergenommen. Artmann wuchs in Breitensee auf, von meinem Wohnhaus aus zweimal umfallen, an seinem Haus ist eine kleine Gedenkplakette angebracht, daran habe ich überhaupt erst bemerkt, dass er aus meiner hood stammt, die seinerzeit noch ziemlich weit draußen war.

I WON ZIMLECH WEIT DRAUST

i won zimlech weit draust

geng schdaahof zua –

anahoeb schdund fost

fon schdeffansbloz wek..

 

waun e em suma z laung aufbleib

so bis zwaa oda drei in da frua

do lost me da hau fon wisawii

nima r eischloffm –

so schreid a r und singd a

aus seina holaschdaun ausse..

(wisawii is en hean dwoaschak

sei logabloz..)

 

hinta da blaunkn fon den logabloz

woxn grodnbledschn und brenesln

woxn d hendln und da hau

woxn d uanschliaffa und d ostln

woxn d ziagln und s mäuta

woxt da gruch fon deea

und frischn hoez

woxt da schnee und da reng

und de sun aus de holaschdaun ausse

de wos hinta dera blaunkn

aus n hean dowaschak sein grob

aussewoxn..

 

i won zimlech weit draust

geng schdaahof zua

und do lost me eftas da hau

en da frua nima r eischloffm …

(Aus: med ana schwoazzn dintn)

 

Ich lese seine Gedichte gezwungenermaßen laut, so speziell ist seine Notation, dass ich, obwohl ich den Dialekt kenne, oft nicht weiß, was er meint, bevor ich es nicht ausgesprochen habe. Ich bedaure es diesmal, dass seine Gedichte nur für so einen kleinen Kreis von Menschen problemlos verständlich sind, sogar die Wiener*innen, die noch diesen prononcierten Dialekt sprechen, werden immer weniger, die speziellen Wendungen verschwinden, bald wird es womöglich nur noch wenige Menschen geben, die diese Gedichte überhaupt lesen können.

Aber das ist wohl offenbar auch egal. Diese Poetinnen und Poeten der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts (auch Friederike Mayröcker) wollten ihre poetischen Existenzen leben, ohne Vorausschau und Rücksicht.

„Der poetische Akt ist Dichtung um der reinen Dichtung willen. Er ist reine Dichtung und frei von aller Ambition nach Anerkennung, Lob oder Kritik. Ein poetischer Akt wird vielleicht nur durch Zufall der Öffentlichkeit überliefert werden, das jedoch ist in 100 Fällen ein einziges Mal. Er darf aus Rücksicht auf seine Schönheit und Lauterkeit erst gar nicht mit der Absicht geschehen, publik zu werden, denn er ist ein Akt des Herzens und der heidnischen Bescheidenheit.“ (H.C. Artmann in der genannten Doku)

Wenn ich wüsste, wie das geht, würde ich das auch machen. Oder kann man gar nicht anders leben, als Mensch, der Schönheit braucht und Liebe, und der sich zugesteht, immer auf der Suche danach bleiben zu dürfen?