Reading: Raphaela Edelbauer - Die echtere Wirklichkeit
Mit ihrem letzten Roman „Die Inkommensurablen“ konnte ich nichts anfangen. Obwohl ich ihn zu Ende las. Und auch mit diesem hat sie es mir nicht leicht gemacht. Ich wollte nach den ersten drei Kapiteln abbrechen, wie so oft in letzter Zeit, war dann aber doch so interessiert am Fortgang der Handlung und las weiter, perfide gemacht!
Es geht um die Wahrheit, Aletheia, im Roman der Name einer philosophisch-aktionistische Terrorzelle, wobei es selbst hier bereits unterschiedliche Meinungen unter den verschworenen Protagonist*innen gibt - Bernward, der verkopfte Theoretiker, Paul, der konziliante, etwas patscherte „love“ interest, Brigitte, die Unternehmertochter gone rogue und die Chirurgin, Aktivistin vom alten Schlag und Sprengstoffexpertin. Die Erzählerin selbst, Deckname Byproxy, Entwicklerin von Videospielen, Rollstuhlfahrerin, gesichtsblinde und emotional deprivierte Funz‘n ist da auch keine große Hilfe. Im Verlauf ihrer Erzählung hätte die geneigte Leserin gerne mehr über die Wahrheit gewusst, die es entgegen dem postmodernen relativistischen Mainstream, den die Terrorzelle mit so viel Verve wie Ungeschick bekämpft und der die Wurzel aller neurechten Verirrung sei, angeblich eben doch geben soll. Aber fortwährend, auch im Rückgriff auf die Herkunft von Byproxy, die eine traumatische Beziehung mit einer besitzergreifenden und psychisch immer derangierter werdenden Kindheitsfreundin beinhaltet, lügt die Erzählerin mutmaßlich selbst. Sie legt falsche Fährten, löst Erzählstränge nicht auf, als wollte sie uns die lange Nase drehen und sagen, seht ihr, so sehr wie mir glaubt ihr allen, dabei gibt es nichts, nichts, auf das man sich verlassen kann.
Die Handlung ist spannend und wechselt zwischen den Zeitebenen, aber es gibt Ungemach. Anfangen könnte man mit Byproxys Behinderung, die sich zwar stringent aus der Handlung ergibt und ihre Position in der Gruppe und ihre Haltung zum Leben definiert, die sich aber kaum jemals als tatsächlich einschränkend erweist für den Fortgang der Ereignisse, die einer echten Rollstuhlfahrerin und ihrem prekären Umfeld - you know, in der echteren Wirklichkeit! - einiges mehr abverlangen würden, als es offenbar wert zu beschreiben und auch zu problematisieren ist. Dazwischen oder stattdessen viel Philosophie, auch Evolutionsbiologie, faszinierende Gedanken zu Beginn oder Allgegenwärtigkeit des Lebens. Nicht ganz die leichte Kost bisweilen. Edelbauer ist sehr belesen und geübt im Denken, das erkennen wir, sie nimmt uns an die kühle Hand durch all die Querverweise und die Bezüge zur entrischen Gegenwart und ungewissen Zukunft. Ein so gescheites Buch mit einem so großen intellektuellen Projekt hätte zweifellos auch ein besseres und genaueres Lektorat verdient. Die zeitliche Einordnung des Plots ist nicht durchgehend klar, es gibt für eine Wienerin unverkennbare Fehler in den Örtlichkeiten, einer Querschnittgelähmten werden wohl eher nicht die Knie weich und man könnte nachsehen, ob man Leibniz wirklich „Leibnitz“ (dreimal!) schreibt, von den Rechtschreib- und Syntaxfehlern fang ich gar nicht erst an.
So lese ich also gehorsam zu Ende aber es führt zu nichts. Letztlich. Keine Auflösung, keine Versöhnung, keine Erkenntnis. Muss ja auch nicht, dafür ist ja Literatur nicht da, mir ein gutes Gefühl geben. Hoffnung oder etwas ähnliches. Fast bin ich dennoch ein wenig sauer auf die Autorin, dass ich ein Buch beenden musste, das so wenig Sympathie für seine Figuren, seinen Erzählzusammenhang und auch seine Leser*in hat. Seltsamerweise kann ich es dennoch weiterempfehlen, allein schon um jemanden zu finden, den ich fragen kann, was denn nun wirklich die Wahrheit ist.
Als ich noch sehr jung war, sah ich einen Film, der mich und viele andere begeisterte mit seiner Wärme und seinem versöhnlichen Pathos. Warum auch immer ich mir diese Stelle so genau gemerkt habe (ich habe den Film nicht nur einmal gesehen), jedenfalls erinnere ich mich, dass da jemand sagte, herausgelockt aus der Deckung als unsicherer und verletzbarer Mensch, die Wahrheit sei wie eine Decke, die immer die Füße kalt lasse, egal, wie sehr man sie bearbeitet, sie bedeckt immer nur das heulende, schluchzende Gesicht, das ganze Leben lang.