Welche Männer ich mir wünsche

Collien Fernandes und was ihr widerfahren ist. Vom eigenen Ehemann belogen, betrogen, missbraucht in Worten und mit Bildern, getäuscht, erniedrigt, beschämt. Ich halte es kaum aus, genauer darüber nachzudenken. Es gibt Parallelen zum Fall Pelicot, aber es ist auch ganz anders, weil in der Virtualität, darum aber nicht weniger traumatisch und furchtbar für die Betroffene. Und doch ist es nur ein weiterer Fall in einer langen Reihe von Sexismus gegenüber Frauen, Objektifizierung, Machtmissbrauch, physischer, psychischer und/oder sexueller Gewalt, es ist das Patriarchat, in full swing, immer noch, das Pendel schlägt ja gerade deutlich zurück. (Oder waren alle Errungenschaften nur möglich, weil man Frauen auch an den Werkbänken brauchte für die Wirtschafts- und sonstigen Wunder, aber das führt jetzt zu weit.)

In den sozialen Medien rühren sich, wie immer, wenn diese Fälle publik werden, auch die Männer und schämen sich für ihr Geschlecht, rufen einander zu mehr Zivilcourage auf, wenn sie Zeugen von Sexismus werden. Aber das ist mir zu wenig, liebe Männer. Das kann nicht alles sein, den sexistischen Witz in der Männerrunde outcallen, obwohl es natürlich gut wäre. Ich wünsche mir von Männern noch mehr. Ich wünsche mir, dass sie Grenzen respektieren und ja, jenen Grenzen setzen, die diese nicht respektieren, aber ALLEN gegenüber. Sie sollen nicht nur Frauen schützen und verteidigen, sondern auch Kinder, gebrechliche oder beeinträchtigte Menschen, Tiere, den Boden, die Luft und das Wasser. Männer haben durchschnittlich die größere Körperkraft, d.h. sie haben die Macht, ganz von selbst, es war mal ein Wert, diese Macht nicht für das eigene Wohl oder das Wohl der Mannheit sondern für die Schwächeren einzusetzen, das hieß Ritterlichkeit.

Aber ich bin selbst nicht sicher, ob ich mir von einem Mann wünsche, er solle immer ritterlich sein, denn allzu oft mündete diese Eigenschaft bei Männern in meinem Leben vor allem in Bevormundung und es hatte bisweilen eine gewisse Selbstherrlichkeit an sich, wenn der Mann sich im Licht seiner moralischen Gutheit sonnte und darüber meine tatsächlichen Bedürfnisse und Wünsche nicht sah. Paternalismus ist die Kehrseite der Ritterlichkeit, der Schutz kann umschlagen in neue strukturelle Gewalt, wie dieser Artikel eindrucksvoll und erschütternd zeigt.

Was wünsche ich mir dann von Männern? Mir fällt neben dem Respekt für alle Lebewesen und Mitwelten, vor allem Empathie ein, Mitgefühl, echtes Interesse an den Gedanken und Gefühlen anderer Menschen. Die Fähigkeit, sich selbst nicht wichtiger zu nehmen als andere. Bare minimum könnte man jetzt wieder sagen, aber die Bereitschaft, sich anderen wirklich zuzuwenden, von sich selbst und den eigenen Vorbehalten für eine gewisse Zeit abzusehen und sich zu öffnen, Einblick zu geben in das eigene Innere und dabei auch den Weg freizumachen für die Botschaften des Gegenübers, sich dabei auch verletzlich zu machen, das habe ich bei Männern in meinem Leben am meisten vermisst. Das tatsächliche Verinnerlichen der Erkenntnis, dass niemand wirklich stark ist, die oder der sich nicht auch zugestehen kann, schwach zu sein. Dann noch Geduld, Humor und Freundlichkeit. Und das jeden Tag, in jeder Beziehung, in der kleinsten sozialen Alltagsinteraktion und in den langen und schwierigen Beziehungen mit Partner*innen, Kindern, Eltern, Verwandten, Freund*innen. Selbst im Internet!

Der erste Titel dieses Stücks war „Was ich mir für Männer wünsche“ und die Doppeldeutigkeit fiel mir erst später auf. Ich wünsche mir für Männer, dass sie auch empathisch sein dürfen, dass sie nicht beschämt werden dafür, wenn sie lieben, wenn sie vermissen, wenn sie traurig sind, wenn sie Angst haben. Dass sie sich trauen, es zu äußern und dass sie ihrerseits Mitgefühl dafür bekommen. Dass sie empathische Frauen in ihren Leben haben, und auch freundliche, geduldige und humorvolle Männer, insgesamt Menschen, die sie lieben, oft herausfordern und manchmal, wenn es nötig ist, nachsichtig mit ihnen sind.