Es ist nichts passiert

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Am Friedhof. Mit Müh und Not hab' ich die Teenietochter dazu gebracht, mal wieder mit mir hierher zu radeln und das Familiengrab zu besuchen. Wir trinken einen Schluck Wasser aus dem Brunnen und setzen uns auf eine Bank im Schatten zum Durchschnaufen. Es ist bewölkt und es weht ein frischer Wind, es ist angenehm ruhig. Sie lehnt sich halb an mich, ich lege den Arm um sie und auf die Lehne, so plaudern wir leise und schauen vor uns hin.

Der Lieferwagen eines Friedhofsgärtners hält neben uns, der Mann steigt aus, geht an uns vorbei Richtung Gräberfeld und grüßt uns, ich nicke beiläufig, mit nur indirektem Augenkontakt, murmle leise ein Hallo. Ich kenne den Mann vom Sehen, seit wir das Grab auf diesem Friedhof haben, er hat mich wiederholt unaufgefordert in der Nähe des Grabes angesprochen, ob ich seine Dienste wünsche, ich empfand das schon damals als übergriffig.

Ein paar Minuten später kommt er zurück, bleibt vor uns stehen, schaut uns an, grinst breit, hebt umständlich an, irgendwas zu entwickeln von wegen „Mutter und Tochter ist doch das Schönste!“ Ich lächle schmal und verbindlich, wappne mich aber schon innerlich, denn er kommt näher. Was ist das nur mit dem Respektsabstand zu Frauen, dass der so leicht überwunden und selbstherrlich verkleinert werden kann? Wir sitzen, wir können nicht zurückweichen, ich könnte nur plötzlich aufspringen, das Kind wegschubsend, das ist keine Option, weder Zeit noch Raum für irgendeine Reaktion. Der Typ spricht natürlich nicht mich an, sondern die Tochter, und zwar jovial: „Was ist besser? Mama oder Freundin?“ Er kommt noch näher. Instinktiv lege ich beide Arme um das Mädchen. „Mama!“ sagt sie. Er lacht wissend und schlägt dem Mädchen mit seiner großen, braunen Gärtnerhand auf’s nackte Knie des auf der Bank aufgestützten Beines.

Er entfernt sich wieder in Richtung seines Lieferwagens, ich ärgere mich genug über ihn, um irgendeinen unsinnigen Protest zu dem vorangegangenen unsinnigen Austausch hinüberzurufen. Er macht mit Schwung die Seitentür auf, ein Bohrmaschinenkoffer Marke Hilti poltert mit lautem Krach heraus, er erschrickt und ich lache schadenfroh. Er verschwindet wieder Richtung Gräber.

Es ist gar nichts passiert, selbstverständlich, rein gar nichts. Keine Gewalt, kein Zwang, wir sind nicht verletzt, wir sind nicht beeinträchtigt. Alles völlig harmlos. Aber ich sage zur Tochter, wie sehr ich das Benehmen solche Männer hasse. Die, denen gegenüber man vorsichtig sein muss mit direkten Blicken, weil sie ihn sofort als Einladung zu was auch immer interpretieren. Die, die halbgare Komplimente vom Stapel lassen, um harmlos zu wirken. Die, die 40 Zentimeter rund um einen anderen Körper nicht respektieren, die Körperkontakt aufnehmen, obwohl man sie nicht dazu eingeladen hat. Die, von denen ich definitiv nicht wollen kann, dass meine Tochter irgendwo mit ihnen zu tun hat, wenn sie allein ist und vor denen ich sie doch nicht beschützen kann.

Wir stehen bald auf und nehmen extra einen anderen Weg zum Ausgang zurück, um dem Mann nicht nochmal zu begegnen.

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