Love Changes Everything
Die vielen Sterbenden in letzter Zeit. Die wirklich in Kürze Sterbenden, nicht die Hochbetagten oder Chronisch Kranken, die womöglich nicht ewig, d.h. nicht mehr allzu lang leben. Nein. Die wirklich Sterbenden, die schon in eher schlechtem Gesundheitszustand zu uns kommen und nur kurze Zeit von uns betreut werden.
Wo keines der materiellen Dinge und Errungenschaften mehr wirklich eine Bedeutung hat, keine Bücher und Wohnungen und Autos und Zweitwohnsitze und Titel und Berufe. Und wo auch wenig bis nichts mehr gewünscht oder gebraucht wird, keine Therapien und Mobilisierungen und Interventionen und Assessments. Nur noch Kleinigkeiten wie Erdbeereis oder Radio Burgenland oder warme oder kalte, jedenfalls wohlriechende Umschläge und natürlich das Da-Bleiben und Hand-Halten. (Finden Sie es nicht auch bemerkenswert, dass praktisch jeder Zeitungsartikel über Pflege mit einem solchen Bild illustriert wird? Eine jüngere hält eine greise Hand. Es ist ein solches Klischee und stimmt doch und man kann sich schon mal überlegen, wer von den Mitarbeitenden im Pflegealltag je nach Art der Einrichtung wie viel Zeit dafür hat.)
Natürlich kann ich über diese Patient*innen nie etwas schreiben, nichts über ihre Erkrankungen, ihre Lebensumstände, ihre Geschichten, das wäre würdelos und datenschutzrechtlich verboten. Aber es beschäftigt mich.
Wenn man zum Beispiel an einer schweren neurologischen Erkrankung leidet, die oftmals schnell verläuft und für die wir aktuell keine Heilung kennen, dann bleibt man völlig klar und verliert nach und nach ganz viele Fähigkeiten, die Muskeln im ganzen Körper werden schwächer, die Steuerung von Bewegungsabläufen schwieriger. Man muss zum Beispiel nach dem Aufstehen aus einem Stuhl den Kopf mit der Hand anheben, um wieder geradeaus schauen zu können. In dieser kleinen Geste wird so viel Mühe und Tapferkeit sichtbar, dass es einer ganz eng im Hals wird und sich das Bild einen ganzen Abend lang zu Hause immer wieder ungefragt vor das innere Auge schiebt.
Oder wenn man noch sehr jung ist. Wirklich sehr jung. Zum Glück kommt das gar nicht so oft vor, die meisten sind im doch weiter fortgeschrittenen Alter, aber es gibt sie eben auch. Für so einen ganz jungen Menschen ist Sterben so schwer, dass er so tut, als wäre es gar keine Option. Er nimmt dann vielleicht manche Medikamente nicht, die ihm eventuell bei bestimmten Beschwerden Linderung verschaffen könnten, aus kaum nachvollziehbaren Gründen. Er akzeptiert wenig und fordert viel. Vermutlich fragt er sich einfach, wie er hier eigentlich landen konnte, unter all den alten Menschen in Rollstühlen, selbst wenn er selbst in einem sitzt.
Und es ist selbstverständlich unrichtig, dass Wohnungen und Autos und Finanzen völlig unbedeutend werden, die Materie verquickt uns mit unserem getanen Leben und auch mit den Menschen, die uns oder denen wir wichtig waren. Der Gedanke allerdings, dass der Zeitpunkt in greifbare Nähe rückt, an dem man nach irdischen Maßstäben nicht mehr verantwortlich gemacht werden kann, ist sehr ungewohnt. Er eröffnet viele Möglichkeiten, die sich bei näherem Besehen dann aber doch oft nicht in Einklang bringen lassen mit dem Gewesenen, dem Gewohnten und dem, was man hinterlassen möchte und wie man in Erinnerung bleiben will. Dennoch, sehr irreal erscheint es noch. Die wichtigste Information, so wird mir gesagt, wäre gewesen, dass der andere, der Freund des Bekannten, der kürzlich gegangen ist, auch noch gehend gekommen sei, nur etwas schlechter orientiert.
So wie es ist, bleibt es nicht.
So wie es war, wird es nie wieder sein.
Wie es wird, ist vorgezeichnet. Der Weg ist nur noch zu gehen.
Ohne „wenn es so weit kommt“ und „aber ich glaube es noch nicht“.
Für jeden Tag dankbar sein hört dann auch auf, sich nach Kitsch anzuhören, dieser Jeder-Tag muss dann auch nicht unbedingt von einem speziellen Nutzen oder einer unwiederbringlichen Bedeutung sein, er mag auch einfach verstreichen, beiläufig liebevoll belächelt. Ich wiederhole mich hier, aber es ist vollkommen unmöglich, so zu leben, als wäre jeder Tag der Letzte, denn stellen Sie sich bitte vor, was für eine Scheißangst Sie davor hätten, dass der Tag endet. Vor lauter Angst könnten Sie Ihren letzten Tag gar nicht richtig genießen. Ist ja so schon schwer genug, nicht andauernd Angst zu haben, der tägliche Nachrichtenkonsum ist ein Wühlen in Szenarien, in der Diskrepanz zwischen dem Behagen der komfortablen Belanglosigkeit und dem Ausmalen aller möglichen katastrophischen Denkmöglichkeiten, auch das schon seit Jahren, wenn nicht Jahrzehnten, nur akzentuiert von Naturereignissen, Viren oder Maschinen unterschiedlicher Intelligenzgrade.
Und doch, je älter man wird und Lebensläufe und –zyklen vollständiger miterlebt, es ist doch auch offensichtlich, dass die Liebe den Lauf der Welt verändert, das Schicksal der Menschen jedenfalls. Sie haben schwierige Kindheiten und Jugenden, geprägt von Lieblosigkeit und vergeblicher Sehnsucht, manchmal sogar von Gewalt und Angst. Und doch suchen sie die Liebe und wenn sie sie finden in einem anderen Menschen, löst das etwas in ihnen auf, lockert es zumindest und es kommt wieder in Fluss, potentiell oder tatsächlich, wenn man vorsichtig ist und nicht zu schnell vorgeht und nicht übermütig wird. Ich möchte das wirklich nicht so kitschig oder pathetisch formuliert haben, aber es ist wahr, es ist überall beobachtbar, nicht nur in Liebesbeziehungen, sondern auch unter Freund*innen und Kolleg*innen, sogar bis in die kleinsten und unbedeutendsten Alltagskontakte hinein. Jedes Lächeln kann ein Schmetterlingsflügelschlag für eine weitreichende Veränderung der Liebeswetterlage sein. Ich glaube nicht, dass uns das bewusst ist oder dass wir diesem Umstand in unserem Leben immer angemessen Rechnung tragen. „Sie sind sehr freundlich, das macht es auch ein bisschen leichter,“ sagte die Angehörige zuletzt beim Abschied.
Ich ging kürzlich nach Hause, den vollen Einkaufstrolley hinter mir herziehend über die Schwellen und Kanten das kurze Stück wie schon hunderte Male vorher, und es überkam mich so plötzlich, Sie kennen das vielleicht, kurz öffnet der Himmel alle Schleusen, und ich dachte: Wie glücklich bin ich! Wir sind sicher, wir haben zu essen und zu trinken, wir mögen uns und lachen miteinander und manchmal streiten wir ein bisschen und wir sind alle gesund genug für ein schmerzfreies und aktives Leben. Was kann ich mehr wollen? Mir fällt nichts ein, was ich mir darüber hinaus noch dringend wünschen könnte.
Ich versuche mich dankbar daran zu erinnern, wie lange es so war, wenn es sich einmal ändert, mal sehen, ob es mir gelingt.