Reading: Mit Männern leben - Manon Garcia
Eine schwierige Lektüre, insbesondere wenn man sich zeitgleich Gedanken über das eigene Familienleben macht oder zwischendurch Unterhaltungsmedien konsumiert, speziell Komödien aus der 2. Hälfte des letzten Jahrhunderts.
Garcia beschreibt ihre Eindrücke vom Prozess gegen Dominique Pelicot und die 51 Männer, die gemeinsam dessen Ehefrau Gisèle Pelicot unter Medikamente gesetzt, betäubt und auf alle nur erdenklichen widerwärtigen Arten missbraucht und vergewaltigt haben. Einige Kapitel behandeln kenntnisreich die juristischen Rahmenbedingungen dieses Prozesses und allgemein der Rechtsprechung in Fällen von sexueller Gewalt. Aus einigen Kapiteln spricht aber auch einfach nur die Wut und die Hilflosigkeit, die eine Frau erfasst, wenn sie sich vergegenwärtigt, wie verbreitet und akzeptiert sexueller Missbrauch und Gewalt ist.
Was in der öffentlichen Wahrnehmung etwas unterbelichtet blieb: Im Fall Pelicot spielt auch das Thema Inzestmissbrauch eine Rolle. Im Kontext des Prozesses blieb dieser Aspekt außen vor, da die Tathandlungen an Gisèle Pelicot im Zentrum standen und es keine handfesten Beweise (wenn auch Indizien) gab, dass der Täter auch seine Tochter oder seine Enkelkinder betäubt und missbraucht haben könnte. Dokumentiert sind jedenfalls Vorfälle von Gewalt und Übergriffigkeit gegenüber Familienmitgliedern, auch Kindern. Davon ausgehend rekurriert Garcia auf den Begriff des Patriarchats und stellt klar, dass die unbedingte Verfügungsgewalt des Vaters über seine Frau und seine Kinder, über ihre körperliche und sexuelle Integrität bis hin zu ihrem Leben, über die meiste Zeit der Geschichtsschreibung unhinterfragt gegolten hat. Und wie oft begegnet einer dieses Denken immer noch? (Wie viele Ehemänner wollten mir schon in Vertretung ihrer Gattinnen einfach Dokumente unterschreiben und waren ganz verwundert, wenn ich das nicht akzeptieren konnte und ihnen das Wesen der Eigenberechtigung ganz unabhängig vom Geschlecht erklärte?)
Im Dokumentarfilm zu Ingeborg Bachmann, den ich kürzlich im Kino sah, entspinnt sich folgender Dialog zwischen einem Interviewer und der Bachmann:
Int: Aber woran sind die Männer unheilbar krank?
IB (nachdrücklich): Sie sind es! Wissen Sie das nicht?
Ich sehe diese Sequenz immer wieder vor mit und komme zu keinem Schluss darüber. Sie empört mich ein bisschen, denn was ist das für ein Pauschalurteil? Warum bezeichnet die Bachmann Männer als erkrankt, unheilbar sogar, und woran sind sie es ihrer Meinung nach? Sie führt es nicht weiter aus, sondern antwortet dem jungen Mann erstaunt und in leicht tadelndem Tonfall, als hätte er bei einer wichtigen Lektion nicht aufgepasst. „Not all men“, will diesmal seltsamerweise sogar ich dazwischenrufen, aber stimmt es am Ende vielleicht doch?
Wir tendieren ja auch dazu, Taten wie jene von Pelicot und den anderen Männern als „krank“ zu bezeichnen, weil sie in ihrer ganzen Hinterhältigkeit, Brutalität und Menschenverachtung für einen „normal“ denkenden und fühlenden Menschen völlig unnachvollziehbar sind und daher Folgen einer pathologischen Fehlfunktion des Gehirns oder der Psyche sein müssen. Dabei erklärt Garcia, dass die Unterscheidung normal – abweichend im Zusammenhang mit diesen Verbrechen gar nicht so leicht zu ziehen sei. Bis auf eine Ausnahme werden alle Angeklagten durch psychiatrische Gutachten als zurechnungsfähig und im Vollbesitz ihres Urteilsvermögens beschrieben, wobei traumatischen Erfahrungen in Kindheit und Jugend große, potenziell erklärende Bedeutung beigemessen wird. Wohl auch als Verteidigungsstrategie wird vor allem Pelicot selbst als Monster gezeichnet, er sei „gespalten“ zwischen dem Anspruch, ein guter Ehemann zu sein und seinen abweichenden Trieben nachzugehen und der Ursprung dieser Spaltung läge, oh Wunder, in einer problematischen Beziehung zu seiner Mutter. Letztlich aber zeigen Diskussionen über Frequenz und Häufigkeit von Pornokonsum, Besuche bei Prostituierten und Partnerinnen-Wechsel, dass das „normale“ Sexualverhalten und die pathologische Abweichung davon ineinanderfließen und nicht so eindeutig voneinander abgrenzbar sind. Was Wunder, gibt es doch so viele Spielarten von Misogynie im Zusammenhang mit Sexualität in Abhängigkeitspositionen. (Im Übrigen gilt das sogar für die Betäubung: Vornehmlich junge Frauen betrunken zu machen und ihre Wehrlosigkeit dann zu missbrauchen ist ja ein altbekannter Topos.)
Sind Männer als Kollektiv also am Patriarchat erkrankt, unheilbar, weil sie in dieser Struktur so verfestigt sind, sich nicht dagegen entscheiden können, weil sie die Nachteile und Bedrohungen ihres Status, die mit einer Auflösung dieser Strukturen verbunden wären, nicht akzeptieren können?
Um ehrlich zu sein, ich fühle mich auch erkrankt. Angesteckt von all diesen furchtbaren Taten wie vom einem gefährlichen Virus, schockiert davon, wie allgegenwärtig sie zu sein scheinen. Zwei deutsche Journalistinnen haben undercover im Netz recherchiert und große Chatgruppen mit tausenden Mitgliedern gefunden, die solche Missbrauchsdarstellungen konsumieren, kommentieren oder selbst herstellen. Auch Fälle in Österreich werden publik. Ein Mann in Niederösterreich betäubt und missbraucht seine Lebensgefährtin, selbst kurz nachdem sie gerade ein Kind geboren hat. Als sie wegen der Sedierung die Treppe herunterfällt, müsse „er ihr erlauben, ins Krankenhaus zu gehen“, what the actual fuck, was hat er da zu erlauben? Hier begegnet sie einer wieder, die absolute Verfügungsgewalt des Mannes und Vaters über den Körper seiner Ehefrau, er „erlaubt“ ihr die Behandlung ihrer gesundheitlichen Beschwerden. Als man in ihrem Blut Benzodiazepine findet, die sie als Wöchnerin eigentlich nicht einnehmen sollte, kann es sich die Frau nicht erklären, aber es reicht aus irgendeinem Grund, dass der Mann sagt, es sei nicht so schlimm, dass der Sache nicht weiter nachgegangen wird. Wie die Opferanwältin richtig sagt, hier muss Gesundheitspersonal nachgeschult werden, um bei solchen Anzeichen für einen Fall von „Chemischer Unterwerfung“ hellhörig zu werden und die Frau zu schützen.
Wie soll das also weiter möglich sein, mit Männern leben? Wie können Frauen Männern noch vertrauen? Konnten sie es nie und werden sie es nie können, war Gleichheit und Gleichwürdigkeit immer eine Chimäre? Es nützt halt nichts, sie vorher richtig kennenzulernen, wie ein drittklassiger deutscher Comedian vorschlug, denn sie können täuschen und vorspiegeln, und die Gesellschaft, die Strukturen, die Aufmerksamkeit und die öffentliche Meinung schützen und bevorteilen eher sie als ihre Opfer. Weil es so einfach ist und so normal, Frauen als Objekte zu betrachten, als willen- und bewusstlose Körper, derer Männer sich bedienen können. Eine Frau zu sein, jede Frau weiß das, ist ein ständiger komplizierter und anstrengender Kampf, die eigene Subjektivität zu behaupten.