Reading: Yesteryear - Caro Claire Burke
Ich habe buchstäblich einen Hexenschuss abbekommen. Genau so einen, wo man einen winzigen unschuldigen Schritt macht und es plötzlich weh tut im Rücken, tatsächlich als habe eine Hexe (oder ein Hexer) einen fiesen giftigen Pfeil zielsicher in die Lende geschossen. „Low back pain“ – pah! Auf Englisch gibt es dafür gar keine Entsprechung, offenbar führen nur deutschsprachige Menschen diese Schmerzen auf magisch bewanderte Widersacher*innen zurück.
Man muss sagen, dass es insgesamt kein geglückter, fröhlicher Tag war. Es spreizte sich überall, starke Bewegungen fanden keine Resonanz und gingen ins Leere, Entscheidungen wurden nicht getroffen oder nicht wie von einigen gewünscht getroffen oder zwar getroffen, aber nur vorerst, als kleiner Aufschub. Der Tag war erst sonnig, dann schwül, dann gewittrig, nichts davon konnte man genießen oder sich auch nur ein wenig daran erfreuen. Menschen meldeten sich zur Unzeit und wurden rasch und ungewöhnlich rüde abgefertigt. Alle waren irritiert. Alle sagten auch ein bisschen Wahrheit, vorzugsweise über etwas, das sie ärgerte.
An diesem Tag beendete ich das Buch „Yesteryear“ von Caro Claire Burke. Begierig, Sie kennen das bestimmt. Wissen wollend, wie es ausgeht, was das Geheimnis ist. Es wird ein Suspense aufgebaut, denn die Handlung ist ein Rätsel: Natalie, eine Instagram-Influencerin, lebt mit ihrem Ehemann Caleb auf einer selbst bewirtschafteten Farm in Idaho, 5 Kinder, das 6. unterwegs, eine innig-gläubige Christin. Eines Morgens stellt sie fest, dass sie im tatsächlichen Wilden Westen aufgewacht ist, im Jahr 1855, mit Farmersgatten und etwas weniger Kindern, im einfachen Leben mit Sauerteigansatz und selbstgemachter Seife, wie sie es vorher ihren Millionen Followern mit Hilfe von versteckten Nannies und Farmarbeitern vorgespielt hat, nun aber leider gänzlich ohne Helferleins, Waschmaschine und Geschirrspüler.
Die äußerlichen Umstände sind natürlich ein Schock, aber mehr noch als auf den harten Alltag fokussiert das Buch auf das Innenleben von Natalie, im langen Mittelteil des Buches wechseln sich die Szenen auf der alten Farm ab mit der Erzählung des „what happened before?“, Natalies Werdegang als intelligenter, aber verunsicherter und zurückhaltender Tochter einer Alleinerzieherin. Gott und die Rechtschaffenheit vor ihm als Frau und künftige Ehefrau und Mutter spielt seit ihrer Kindheit eine große Rolle. Sie heiratet kurzentschlossen den dümmlichen Abkömmling eines stinkreichen Politikers und entwickelt, unterstützt und instrumentalisiert vom Schwiegervater für seine politischen Ambitionen, ihre Persona als „Online Natalie“, als Projektionsfläche für ihre christlich-nationalistischen Adeptinnen ebenso wie die „Angry Women“, die Liberalen, die sich an ihr reiben.
Die Stärke des Buches ist, dass es ermöglicht, sogar für diese an sich schreckliche Person Sympathie und Mitgefühl zu entwickeln. Es gibt Passagen, in denen sie ihren traditionellen Lebensstil der Jagd nach Karriere und beruflichem Fortkommen bei den liberalen Frauen gegenüberstellt und wo man als Frau nur resignativ nicken kann, ja, wir verlieren immer, so oder so. Stark sind auch die Einblicke in die Härte der Mutterschaft, in die Momente mit kleinen Kindern, die so gar nicht schön und friedvoll sind, sondern sich ausschließlich nach Gefangen-Sein und Überforderung anfühlen. Dennoch, die ganze Ambivalenz der Mutter- oder Elternschaft kommt nicht zum Ausdruck, denn die Autorin ist nach eigenen Angaben in der Danksagung noch nicht selbst Mutter. Auch wenn man die eigenen Kinder nicht versteht oder ab und an mit ihnen fremdelt, man liebt sie normalerweise doch mit großer Selbstverständlichkeit.
Nein, ich spoilere nicht, die Auflösung des Rätsels folgt am Ende und ich las die letzten 40 Seiten gespannt, herumruckelnd auf diversen Sitzgelegenheiten auf der Suche nach einer weniger schmerzenden Lendenwirbelsäule. Davor und dazwischen stritt ich: mit dem Kind, mit seinem Vater, mit Kolleg*innen, mit Klient*innen. Ein Buch wie ein Fluch, die Protagonistin eine zwänglerisch lächelnde Person, die permanent belogen wird oder sich selbst und andere belügt.
Fazit: Schon Empfehlung! Unheimlich ist, dass ich dennoch überlegen musste, ob es nicht auch einfach ein KI-generiertes Buch sein könnte, das schon mit dem konkreten Plan der Verfilmung konzipiert worden ist. Offenbar hat Anne Hathaway da höchstpersönlich mitgemacht und der Film ist bereits in Vorbereitung. Ein wohldurchdachter Marketingstreich also. Dafür ist es eh ganz gut.