Herr Resetarits hört auf

Share
Herr Resetarits hört auf
Lukas Resetarits zu Zeiten des Kottan

Lukas Resetarits, der national sehr bekannte österreichische Kabarettist, hat kürzlich seinen Bühnenabschied bekanntgegeben. Das kommt für mich nicht ganz überraschend, vor ein paar Wochen oder wenigen Monaten habe ich ihn bei einem rezenten Auftritt im Fernsehen gesehen und war erschrocken über seine brüchige Stimme und die für ihn völlig untypischen Schwierigkeiten, die Spannung seiner Darbietung für das Publikum zu halten.

In den Reaktionen auf seinen Abschied im Zeitungsforum meines Vertrauens wurden immer wieder Sätze aus seinem wohl berühmtesten Sketch zitiert, nämlich aus einem Stück von wenigen Minuten aus dem Jahr, man glaubt es kaum, 1983, mit dem Titel „Tschusch“. Vielleicht wissen inzwischen schon alle, was das Wort in Österreich bedeutet, aber zur Sicherheit hier noch mal einige Erläuterungen.

Hier der Ausschnitt mit ein wenig Vorbereitungszeit, um Ihnen zu zeigen, dass hier kein arrivierter Kabarettist spielt, sondern ein junger aber bereits stilsicherer Anarcho.

Man kann gar nicht genug betonen, wie prägend diese paar Minuten für die österreichische Alltagskultur der darauffolgenden Zeit waren. Wir kannten alle diesen Sketch, wobei ich heute nicht mehr rekonstruieren kann, wo wir ihn gesehen haben, so ganz ohne Youtube. Ich habe schon wieder den „Wurlitzer“ im Verdacht, eine Fernsehsendung des ORF in den späten 80er und frühen 90er Jahren, bei der sich die Zuseher:innen Videoclips von Musik oder eben andere bekannte Filmsequenzen wünschen konnten. Wo und wie auch immer, wir haben uns jedenfalls über diesen Sketch kollektiv und ausgiebigst zerkugelt. Sätze daraus wurden so oft zitiert, dass sie in den allgemeinen Sprachgebrauch eingingen („Entschuldigen bitte, wo Thaliastraße?“ „Immer trinkta Gspritzta mit Scheff“).

Beim Wiedersehen nach über 40 Jahren stellt sich heraus, dass der Sketch insgesamt oder auch einzelne Teile davon heute so nicht mehr auf die Bühne zu bringen wären. Generell würde es niemand mehr unwidersprochen akzeptieren, Menschen wegen ihrer schlechten Sprachkenntnisse und ihres Akzents derart zu persiflieren. Die Darstellung der Protagonisten als naiv und ungebildet würde als rassistisch, die Sequenz bezüglich Islam als religionsfeindlich ausgelegt werden. Dennoch, und das ist das eigentlich Frappierende, sind die Themen immer noch genauso aktuell und ungelöst wie damals: Alltagsrassismus, Fragen von Integration durch Spracherwerb, Berufstätigkeit und Familiennachzug, religiöse Unterschiede und deren Auswirkungen auf Integration, soziale Hierarchien zwischen Gruppen von Zuwanderer:innen, das Phänomen, dass sich bereits länger Ansässige gegenüber Neuankömmlingen abgrenzen und an die Alteingesessenen anbiedern wollen und auch die Sinnlosigkeit dieses Unterfangens.

Ich finde den Sketch auch heute noch extrem gelungen, weil er Sympathien mit allen zeigt, aber gleichzeitig jedem Protagonisten, und damit der Bevölkerungsgruppe, die er repräsentiert, den Spiegel vorhält. Das funktionierte gut mit einer gewissen Rücksichtslosigkeit, die heute, ich wiederhole mich, so nicht mehr in einem Medium abbildbar wäre, der Sketch hat zu viele Einfallstore für Kritik offen und bekäme heute wahrscheinlich Shitstorms aus mehreren Ecken.

Man könnte dem Autor und Kabarettisten Resetarits auch vorwerfen, von oben herab oder aus einer privilegierten Position zu sprechen, aber es war wohl nur möglich, dass er diesen Sketch so glaubwürdig spielen konnte, weil er selbst eine Art Migrant war. Er war im Burgenland als Teil der kroatischen Volksgruppe aufgewachsen und als Schüler nach Wien gekommen, sprach bis zum Umzug nur wenig Deutsch und hatte damit die Herausforderungen, die sich einem durchschnittlichen Arbeitsmigranten aus dem damaligen Jugoslawien im Wien der 60er und 70er Jahre stellten, sicher am eigenen Leib erfahren. Zusammen mit seinen Brüdern Willi, einem Musiker und Sänger, der später als Kunstfigur Ostbahn-Kurti bekannt wurde und ein Integrationshaus für Geflüchtete mitgründete und dem jüngeren Peter als Fernsehjournalisten haben die Resetarits-Brüder insgesamt die kulturelle und soziale Landschaft des Österreichs der 80er und 90er Jahre stark geprägt. 2022 ist Willi Resetarits überraschend verstorben, die Trauer, die damals durch soziale und sonstige Medien ging, war ein Gradmesser dafür, wie sehr solche regional und national bekannte Personen als verbindende Elemente für ein Gemeinwesen wirken.

Lukas Resetarits jedenfalls wurde rund um die Entstehungszeit dieses Sketches herum auch als schräger Fernsehkommissar Kottan bekannt und hat danach jahrzehntelang Kabarett gespielt, viele Programme, die er mit einer Mischung aus skurrilem Witz und aufrechter Haltung für Mitmenschlichkeit und Fairness angelegt hat. So ein Bühnenabschied fühlt sich leider schon ein bisschen wie ein richtiger Abschied an, ich wünsche ihm von Herzen, dass er sich erholt und noch viele gute Jahre im Ruhestand hat.

Read more