Lob des Nachdenkens
Seit diesem Hitzesommer bin ich völlig sicher, dass ich einen erheblichen Anteil meiner verbleibenden Lebenszeit einer wichtigen Beschäftigung widmen möchte, nämlich dem Nachdenken. Am Ausgangspunkt der Erfahrung und der Überlegungen dazu standen müde Augen vom vielen On- und Offline-Herumlesen, erzwungene Unbeweglichkeit und allgemeine Erschöpfung, es haben ja zahlreiche Medienberichte referiert, wie nachteilig sich Hitze auf den Organismus auswirkt.
Ich lag also auf dem Bett an diesen ersten Wahnsinnshitzetagen im Juni, im abgedunkelten Zimmer, spärlichst bekleidet, und konnte nicht einmal Musik hören, wollte einfach nur Ruhe und Stille und versuchen, mit meiner Angst und Sorge wegen dieser ganzen Klimasache klarzukommen. Meinen Gedanken nachhängen. Wie sehr das aktuell im Wert unterschätzt wird! Dauernd hören wir nur, dass uns irgendetwas erspart, nachzudenken. Zuerst der Computer, dann das Internet, dann die KI. Mit der Informationstechnologie ist es möglich geworden, ohne Zeitverlust zu kommunizieren und einander jeden Gedanken, sinnvoll oder nicht, sofort mitzuteilen. Mit der KI brauchen wir uns die Gedanken nicht einmal mehr selbst zu machen.
So funktionieren aber Menschen nicht. Man braucht Zeit, um vor sich hin zu schauen. Es gibt Umstände, Erlebnisse und Gefühle, die es nötig machen, dass man ihnen Raum gibt in sich selbst. Ich denke dann Ereignisse noch einmal durch, erinnere mich im Detail an etwas, das gesagt wurde oder an einen Anblick oder eine starke Regung. Manchmal arbeite ich ganze Sequenzen nochmal genau ab, erinnere mich an Gesichtsausdrücke oder Gesten, durchlebe die Gefühle noch einmal in aller Ruhe, hinterfrage sie ein wenig rationaler, als es in der Situation selbst möglich war. Überhaupt stelle ich dann Fragen an mich selbst oder an die Menschen, mit denen ich zu tun hatte oder wieder haben werde, die alten Fragen noch einmal aber auch neue, die mir erst im Laufe des längeren Nachdenkens einfallen. Ich plane neue Handlungsstrategien und klopfe sie auf ihre Tauglichkeit ab. Manchmal weine ich ein bisschen, manchmal lache ich in mich hinein, manchmal spüre ich viel Zuneigung und manchmal eine große Traurigkeit.
Ich frage mich immer wieder, ob mein Nachdenken auch als Meditation durchgehen würde, aber ich mache dabei nicht routinemäßig die Augen zu und achte auf meinen Atem, ich versuche auch nicht, das Ego zu transzendieren. Auch als Gebet kann ich es nicht bezeichnen, auch wenn die ein oder andere Danksagung oder die gelegentliche Bitte um Beistand an eine nicht näher definierte wohlwollende höhere Macht schon vorgekommen sein mag.
Wie auch immer, nennen Sie mich ruhig eine Esoterikerin, aber tief in mir bin ich überzeugt davon, dass solche Gedanken nicht nur bei mir bleiben, dass sie potent sind und ein Eigenleben erlangen, sich in der Welt manifestieren und andere Menschen erreichen, auf Wegen, die wir nicht hundertprozentig verstehen können.
Ich betrachte mein Nachdenken jedenfalls auch als Subversion, als Element, das mich nährt und stärkt und wappnet in einer verwirrenden Welt und Zeit. Ehrlich gesagt komme ich ohne dieses Nachdenken nicht mehr aus, immer wieder gibt es Erlebnisse und Themen, mit denen ich nicht fertig werde, wenn ich nicht zumindest einige Zeit ohne Ablenkung darüber nachdenke. Niemand, so behaupte ich, kommt ohne gelegentliches intensives Nachdenken aus für ein halbwegs gelingendes Leben.
Musik zum Tag: No es una bruja, es una curandera. CW: Leicht verstörendes Video.