Reading: Nora Gomringer – Am Meerschwein übt das Kind den Tod
„Realitäten erzeugen Bewegung und Reibung. Genau wie Fantasien und falsche Erinnerungen. Insofern stimmt es: Leben heißt bewegen und bewegt werden, gegen die Kälte gewärmt sein.“
Besondere Empfehlung für dieses Buch! Ich kannte den berühmten Vater Eugen nur dem Namen nach und das war sehr gut für die Lektüre. Nora Gomringer erinnert nämlich die Mutter Nortrud viel intensiver (Untertitel: Ein Nachrough) und umkreist sie liebevoll und abgeklärt zugleich, die Germanistin, die permanent liest und schreibt und redigiert und das Kind früh, wohl zu früh wie eine Erwachsene behandelt.
„Ich möchte über nichts anderes als meine Mutter sprechen, schreiben, mich unterhalten. Meine Mutter ist alles und das Einzige, was mich interessiert. Ich weiß, wie verrückt das klingt. Mütter sind schließlich vor einem dran. Sie sterben natürlicherweise vor einem, sterben vielleicht sogar gerne, wenn sie gelangweilt sind oder gequält werden. Mütter sind die klügeren Töchter.“
Ich habe mich in diesem Buch zu Hause gefühlt, bin traurig, dass es enden muss. Ich muss zugeben, dass ich neidisch bin auf das Aufwachsen dieses fast gleichaltrigen Mädchens mit Büchern, mit Anregung, mit intellektueller Herausforderung. Aber auch ich habe meine Mutter sehr oft weinen gesehen. Auch ich habe schon für eine sich selbst Schaden zugefügt habende Mutter den Notarzt gerufen. Bildung schützt wohl vor Unglück nicht.
“Mea culpa, mea maxima culpa. Mein persönliches Jüngstes Gericht wird garantiert vom Heiligen Franziskus und dem Fiepen zahlloser Meerschweinschöffen begleitet werden. Selbst der Dichter Christian Morgenstern muss das schlechte Gewissen gekannt haben, das uns Menschen an die Tiere fesselt, denn er schrieb: „Weh dem Menschen, wenn nur ein einziges Tier im Weltgericht sitzt.“ Zwischen mir und meinem Eintritt ins Himmelreich liegen Verhandlungskörper kleiner toter Tiere.“
Die extrem konzise, lyrische Sprache in diesem Werk hat mich manchmal an den Kenntnissen meiner Muttersprache zweifeln lassen und das passiert mir selten. Knappste Sätze mit exaktester Grammatik, ich musste sie mehrmals lesen, um den Sinn zu erfassen und selbst dann war ich manchmal nicht vollkommen sicher.
"Als Frau, die Eifersucht, Ohnmacht, wirtschaftliche Engen und Ehrgeiz auch in der Liebe kennengelernt hat, habe ich heute viel Verständnis für eine Bleibende, Beharrliche wie sie. Aber Verständnis ist auch so etwas Changierendes, wie das Erinnern. Und es kennt eigentlich keine Verwandtschaft mit dem Verzeihen."
"Die Menschen vergessen, wie schwer es in einer so individualisierten Gesellschaft ist, im Alter ebendieses Individuum zu bleiben, und verzeihen es auch kaum, wenn einer daran festhält, eines zu sein. Alle scheinen wir in einen Strom aus Pflegemaßnahmen, abwaschbaren Oberflächen, austauschbaren Möbeln, Hilfsangeboten und Hilfsbedürftigkeit, Fremdscham, Eigenscham, unendlicher Scham und unzählbaren Verlusten einzugehen."
Gewiss ist: Wovon wir hier lesen, ist die Geschichte der Zuarbeit dieser Frau, ihres Unterhaltens von Infrastruktur (Administration, Wohnsitze, Kinder), ihres Leidens angesichts der Affären ihres Mannes, und ihrer unbedingten Loyalität zu seinem Geist und seinem Projekt. Es ist eine Würdigung dieser Form des Mitgestaltens und Mittragens von soziokulturellen Manifestationen, eine Arbeit, die mehrheitlich Frauen leisten und, so könnte man zugespitzt behaupten, von deren Notwendigkeit und Härte auch mehrheitlich oder sogar ausschließlich Frauen wirklich etwas wissen. Man liest jedenfalls nicht oft in dieser Intensität davon. Ein Dank geht an die Autorin, dass sie darüber geschrieben hat!