Lektionen für Wasser und Land

Share

Weiter greifen, mahnt mich die Schwimmtrainerin immer wieder und ich muss das erst bei diversen Gruppen- und Solo-Schwimmeinheiten mit und ohne Zeitdruck ausprobieren, mich bei jeder Länge wieder darauf besinnen. Kraulen muss offenbar nicht elegant aussehen oder sich elegant anfühlen. Meine bisher eingeübten Bewegungen (über dem Kopf die Hand leicht einwärts gedreht ins Wasser stoßen, eher mittig, dann den Arm nach hinten führen, dabei einen Bogen im Wasser mit wenig Armbeugung machen) nennt man wohl „schneiden“ und das hat bei mir den großen Schulterdeltamuskel – wie auch immer der professionell heißt - am linken Arm schwer in Mitleidenschaft gezogen. Einige teure Physiotherapiestunden später tut es endlich nicht mehr ständig weh, aber ich muss unbedingt verhindern, dass es wieder auftritt.

Also: Weiter greifen! Ich fühle mich, als würde ich im Wasser liegend eine Wand hochklettern, den Arm immer schön weit außen nach vorne bringen, Hände nun leicht zur Außenseite geklappt, und, sobald eingetaucht und Gleitphase beendet, möglichst mit Fingerspitzen nach unten und abgewinkeltem Ellbogen bis ganz nach hinten durchziehen. Als würde ich meine Brust sehr breit machen wollen, sieht man ja auch an der Physiognomie von Profi-Schwimmer*innen. Als würde ich mein ganzes Selbst sehr breit und raum- oder besser bahnfüllend machen wollen. Es kommen dabei Muskeln zum Einsatz, die ich bisher wenig gespürt habe, nämlich die seitlichen Bauchmuskeln und vor allem Muskeln an der Seite des Brustkorbs, ich nehme an, diese Muskeln braucht man sonst praktisch nie für irgendwas Essenzielles - Atmen vielleicht ausgenommen, aber das ist ja üblicherweise nicht so anstrengend.

Es scheint zu helfen, die vormals wehe Schulter schmerzt nach etwas Ausdehnen unter der Dusche praktisch gar nicht mehr. Schwimmen ist tatsächlich ein technisch schwieriger Sport. Dein Körper ist das einzige Sportgerät und wie du es benutzt, kann so feine Nuancen haben und ist so kompliziert und langwierig in eine verlässliche Routine zu überführen, dass du echte Probleme bekommen kannst, wenn du eine falsche Routine eingelernt hast.

Und natürlich wieder die Atemtechnik. Die Trainerin will, dass wir eine Länge mit einem Atemzug alle 7 Armschläge schwimmen („Hypoxie“), die nächste Länge „schnell“. Ich hake das sofort unter „nicht machbar, die spinnt ja“ ab und versuche mal vorsichtig, auf 5 Armschläge pro Atemzug zu kommen. (Ich war ja schon so stolz, als ich endlich 3 Atemzüge geschafft hatte.) Aber tatsächlich, es ist gar nicht so schwer. Fünf Armschläge Zeit zu haben, ins Gleiten zu kommen und nicht mit der Kopf- und Schulterbewegung zur Seite unterbrechen zu müssen, beschleunigt mich erstaunlicherweise insgesamt erheblich, ich schwimme in die Füße des Vordermanns. Am Ende der Länge wird zwar die Luft knapper, die Lunge brennt, der Atemzug wird dringlicher, aber wenn ich ruhig und besonnen bleibe, mich nicht zu sehr anstrenge, sondern mich eher der Bewegung hingebe, geht es. Es gefällt mir so gut, dass ich es auch auf der Rücklänge nach Möglichkeit beibehalte, ich vermute einen Trick der Trainerin, um uns ein Aha-Erlebnis zu verschaffen.

Es ist so, ich brauche Strategien für diesen Sommer. Ein Projekt im Beruf ist in Vorbereitung und auch die Umsetzung beginnt schon, es fordert uns alle sehr, emotional, kollegial, prozessual, you name it. Ich muss sogar aufpassen, dass ich nicht wieder zu defätistisch werde und befinde, dass das alles ein ganz großer Haufen Exkrement ist und nie was werden wird außer die Zerstörung all dessen, woran wir bisher so hart gearbeitet und so treu geglaubt haben. Und weil alles mit allem zusammenhängt, nehme ich jetzt einfach diese Lektionen her.

Also: weiter greifen! Als würde ich um die Menschen herumgreifen, ich habe dabei einen wärmenden Mantel in der Hand, um sie zu bedecken und zu beschützen, leicht aber zuverlässig. Oder mich zwar breit machen und sichtbar und unumgehbar, aber dabei weiter um meine Gefühle herumgreifen, sie weiträumig umgehen und von der anderen Seite kommen, der sachlichen, mich strategisch platzieren an jenen Orten, wo Einwände nicht einfach ignoriert werden können.

Und ruhig bleiben! Das ist das Allerwichtigste! (Ich Häferl ich.) Einen längeren Atem entwickeln, nicht sofort kurzatmig rauskeuchen, wie schlimm alles ist und wie wir alle nach Luft schnappen werden. Besonnen bleiben, einen Rhythmus finden, go with the flow, vertrauen, dass das Medium mich trägt und ich auf ihm dahingleite.

Ich lerne, ich übe es ein, ich werde mich schon dran gewöhnen.

Read more